Sie glaubte, den Wald zu kennen.
Jeden Pfad, jeden Windhauch, jedes Knacken unter den Blättern.
Doch in dieser Nacht fühlte sich die Luft anders an – schwerer, fast lebendig.
Unter den goldenen Zweigen beobachtete sie etwas.
Den Korb fest umklammert, folgte Rotkäppchen dem Weg, den man ihr als sicher beschrieben hatte.
Ihre Stiefel traten auf gefallene Blätter, ihr samtenes Cape glitt durch die Schatten.
Der Wald hielt den Atem an …
Und zwischen den roten Äpfeln regte sich ein anderer Duft – älter, wilder.
Der Wolf.
Er musste sich nicht zeigen: Sie spürte seine Gegenwart.
Das Rascheln eines Zweigs, ein Hauch an ihrem Nacken, das Flattern eines Herzens, das seinem antwortete.
Doch diesmal zitterte sie nicht.
Denn sie wusste.
Die Geschichte, die man Kindern erzählt, ist nichts als eine Lüge.
Der Wolf hat Rotkäppchen nie verschlungen.
Er lehrte sie, keine Angst mehr zu haben.
In jener Nacht, unter dem Vollmond, erhob sich die Beute.
Sie führte den Apfel an ihre Lippen, biss ohne Zögern hinein.
Der Geschmack von Blut und Frucht vermischte sich auf ihrer Zunge.
Dann hob sie den Kopf – und unter der scharlachroten Kapuze öffnete sich der Blick einer Bestie.
Der Wald verneigte sich.
Seit jenem Tag, so sagt man, streift eine Gestalt in Rot durch die Bäume.
Mal Mädchen, mal Wolf.
Sie flieht nicht mehr vor den Schatten: Sie ist ihre Königin geworden.



